Nachrichten Juni 2021

Deutschland ist seit seiner Gründung 1949 ein Einwanderungsland. Im Jahr 2019 zogen ca. 1,5 Millionen Menschen in die Bundesrepublik und bauen sich hier nun ein neues Leben auf: Sprache, Ausbildung oder Arbeit sind mögliche Herausforderungen, die sich Einwanderern stellen. Insgesamt wurde diese Entwicklung durch die Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Einschränkungen ausgebremst. Fakt bleibt aber auch jetzt, dass eine interkulturelle Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung dringend schlüssige Konzepte zur Begleitung und Integration ihrer Zuwanderer benötigt. An der Stephani-Mittelschule Gunzenhausen gibt es aus diesem Grund für Kinder aus Zuwanderer-Familien die Deutschklasse. Diese Klasse wurde im Jahr 2019 im gebundenen Ganztag eingerichtet. Aktuell unterrichtet Silvia Marianantoni die sechszehn Jungen und Mädchen, Thomas Pfaffinger von der Diakonie Weißenburg-Gunzenhausen ist für die sozialpädagogische Begleitung der Schüler zuständig. Die zusätzliche Unterstützung durch einen Schulsozialarbeiter wird mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfond (ESF) gefördert.

Im September herrschte noch ein ziemliches Durcheinander verschiedener Sprachen im Klassenzimmer: Russisch, Bosnisch, Türkisch, Syrisch und Portugiesisch war zu hören. „Inzwischen sprechen die Schüler überwiegend untereinander Deutsch“, freut sich Silvia Marianantoni, die die Leitung der Deutschklasse Anfang des Schuljahres übernahm. „Selbst im durch Corona bedingten Distanzunterricht konnten die Jungen und Mädchen ihre Sprachkenntnisse ausbauen.“ Dennoch ist Marianantoni froh, „dass wieder alle Schüler im Klassenzimmer sitzen“. Im gemeinsamen Austausch und sozialen Miteinander fällt das Lernen doch um ein Vielfaches leichter.

Rektorin Sandra Wißgott macht die Hintergründe der Deutschklasse deutlich: „Zielgruppe sind alle Schüler, die neu ins bayerische Schulsystem einsteigen und über wenig bis keine Deutschkenntnisse verfügen.“ Grundlage des Unterrichts ist hier der Lehrplan Deutsch als Zweitsprache. Die Schülerschaft setzt sich demzufolge vorwiegend aus ausländischen Schülern unterschiedlicher Kulturen und Sprachen zusammen, teils Asylbewerber mit wenigen oder kaum Deutschkenntnissen. Die Altersspanne beträgt zehn bis 16 Jahre. Die Schüler bringen eine unterschiedliche Schulbildung sowie verschiedene Vorkenntnisse in allen Fächern mit. „Jeder Tag ist hier schon eine besondere Herausforderung“, schildert Marianantoni. „Es ist nötig, auf jeden Schüler mit seinem individuellen Bildungs- und Leistungsstand einzugehen und wichtige Förderangebote durchzuführen.“ Insbesondere bei Schülern mit arabischer Sprache und Schrift erweist sich dies häufig als äußerst schwierig. „Hier muss zuerst einmal neben der neuen Sprache auch das deutsche Alphabet und die neue Schreibrichtung eingeführt werden.“

Ziel ist es, dass die Kinder und Jugendlichen so gute Deutschkenntnisse aufbauen, dass diese es erlauben, sich nach und nach in die Regelklasse zu integrieren. Um den Schülern die Integration in die Regelklasse zu erleichtern, wird deshalb laut Wißgott ein Modulsystem angeboten. „Dies ermöglicht es den Jugendlichen, Unterrichtsstunden in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Sachkunde in anderen Jahrgangsstufen zu besuchen.“ Der Alltag gestaltet sich darüber hinaus für die Kinder und Jugendlichen sehr abwechslungsreich: Nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Mensa gibt es feste Zeiten für Hausaufgaben und Lernen.

Auch der Ausgleich zum Schulstoff kommt nicht zu kurz: Sozialpädagoge Thomas Pfaffinger führt Projekte wie „Die Naturhelden“ durch oder initiierte aktuell eine Alpaka-Wanderung in Merkendorf. Hinzu kommt die Aufarbeitung von Traumata, die Begleitung zu Terminen, Unterstützung im schulischen und privaten Bereich sowie bei der Suche nach geeigneten Praktikumsstellen. „Wichtig ist mir vor allem, dass die Schüler der Deutschklasse mit den einheimischen Schülern in Kontakt kommen“, stellt der Jugendsozialarbeiter heraus. So nahmen beispielsweise Neuntklässler der Regelklasse erfolgreich am Sportangebot teil. „Hierdurch können Hürden und Vorurteile erfolgreich abgebaut werden.“ Elena Hoffmann vom TV 1860 Gunzenhausen erteilt nachmittags eine Sport-AG – hier kann die Integration durch Sport gezielt begleitet werden. Klassenlehrerin Silvia Marianantoni kann sich zum Schuljahresende hin sehr über die Fortschritte ihrer Schützlinge freuen: „Sprache ist natürlich wichtig, aber vor allem ist es schön zu sehen, wie die jungen Menschen einen festen Platz an unserer Schule und damit langfristig in unserer Gesellschaft finden.“

Alpaka-Wanderung der Deutschklasse im Juni 2021